„Gott schreibt mit krummen Linien gerade.“

Interviewserie mit dem Dekan unserer Fakultät, Herrn Dr. Máté Botos

Zweiter Teil
Sprache als Mittel UND Trägerin einer Kultur

Laut Ihrer Meinung in einem bekannten Wochenzeitschrift seien die größeren Fächer vorzuziehen. Könnten Sie uns diese Vorstellung erklären?


Nach meiner Beobachtung gibt es in Ungarn eine allgemeine Tendenz des Interessendefizites an moderner Philologie, denn man bekommt im Bachelorstudium ein Diplom, das für eine berufliche Anstellung kaum genügt. Man kann damit weder unterrichten, noch ist im Voraus definiert worden, was später mit dieser Qualifizierung auf dem Arbeitsmarkt anzufangen ist. Beginnt der Student das jeweilige Sprachenstudium mit Nullvorkenntnis, da die Sprache im Gymnasium nicht unterrichtet wurde, wird er kaum ein wettbewerbsfähiges Niveau erreichen, mit dem er eine feste Anstellung auf dem Arbeitsmarkt finden könnte.

Es könnte also das Problem auftauchen – und diese Tendenz ist abzusehen – dass nur auf die nützlichen Gesichtspunkte Rücksicht genommen wird und man sich nicht für Kultur und die dazu gehörende Glasur interessiert. Wenn ein Bachelor-Diplom innerhalb von drei Jahren zu erwerben ist und man dadurch eine Sprachkenntnis erreicht, die größer ist als die einer Mittelstufe, aber geringer als jene einer Oberstufe, warum sollte man sich dann nicht eher auf eine fachspezifische sprachliche Oberstufenprüfung vorbereiten? Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir bestimmte Fächer unbedingt beibehalten müssen. Das macht die Universität zur Universität und das macht sie katholisch. Es gibt Fächer, die zum Profil der Fakultät gehören. Ähnlich einem Firmenportfolio: wir haben sowohl qualifizierte Human Resources für diese Ausbildung, als auch Berechtigung für anderes. Es ist vorstellbar, dass in den nächsten zwei-drei Jahren einige Fächer nicht verwirklicht werden können, wegen des Mangels an Nachfrage. Es ist nämlich sehr riskant, Fächer mit Defizit zu betreiben.

Die größeren Fächer wiederum möchte ich nicht deswegen vorziehen, um die Parabel aus dem Evangelium zu erfüllen: Wem gegeben wird, der hat und wem nicht, von dem wird weggenommen, was er früher hatte. Ich denke, dass man die größeren Fächer nicht damit bestrafen darf, ihnen ihren Gewinn zur Gänze wegzunehmen, sodass sie an ihrer weiteren Entwicklung nicht mehr interessiert sind. Umsonst werden wir von einem bekannten Professor erwarten, dass er mit völliger Begeisterung arbeitet, wenn er sich mit hunderten von Studenten beschäftigen muss und ihm keine Zeit zur Forschung, Publikation und zum Kontaktaufbau bleibt.

Demgegenüber hat man in einem kleinen Fach mehr Zeit dafür. Hier herrscht also ein Missverhältnis und ich bin der Meinung, dass mit ihm irgendwie adäquat umgegangen werden muss. Es ist möglich, dass es nicht beseitigt werden kann, wer davon überzeugt ist, hat zweifellos Recht. Es ist tatsächlich unmöglich, in einem Fach mit wenigen Studenten so viele Leute zu prüfen, wie bei größeren Fächern. Im Falle eines kleinen Faches kann demnach erwartet werden, zu forschen, zu publizieren und mehr zu den wissenschaftlichen Ergebnissen beizutragen. Das Missverhältnis wird also erhalten bleiben. Es ist auch nicht egal, ob man drei-vier Mal pro Semester prüft oder zwanzig Mal. Sie gehören nicht zur gleichen Kategorie. Das kann nie behoben werden.

Die Antwort auf die Frage lautet also: Die kleineren Fächer sollten nicht bevorzugt werden, sondern wir möchten ihren relativen Rückstand aufholen.

Wird durch die kleinen Fächer die Universität als Forschungsinstitut verwirklicht?

Darauf möchte ich keine eindeutige Antwort geben. Ein Fach ist nicht unbedingt gut, nur weil es modisch ist und die Dozenten bekannte, gute Redner und beruflich hoch qualifiziert sind, sondern es hängt auch davon ab, wie man es im wissenschaftlichen Leben beurteilt.
Nicht nur unbedingt die Studenten, sondern auch die entsprechenden Konkurrenten sind in der Lage das Fach zu bewerten. Wenn sich das verbreitet, dann wird es zu solchen Meldungen kommen, dass der Dozent zu seinen Studenten sagt: „Leute, ihr solltet nicht hierher kommen, sondern ihr solltet an der Pázmány studieren, dort gibt es auch dieses Fach, es wird jedoch viel besser unterrichtet als bei uns.”

Wo können die fremdsprachigen Philologien, besonders das Germanistik- Grundstudium in diesem Kleinfächer-Großfächer-System eingeordnet werden?

Es hängt von den jeweiligen Sprachen ab. Es gibt Fächer, auf die die von mir bereits geschilderte, moderne Tendenz zutrifft. Unter den wichtigen Sprachen ist Englisch am meisten gefragt, relative Nachfrage besteht noch bei Polnisch und Italienisch (überraschender Weise). Die Frage ist, wie wir die Germanistik betrachten sollen: Gehört sie im Oberhaus dem unteren Teil oder im Unterhaus dem oberen Teil an?

Dritter Teil
Der Absolvent ist für uns genauso wichtig, wie derjenige, der noch nicht hier studiert

In dem nach Ihrer Initiative zusammengestellten Fragebogen, den die Bachelor-Studenten ausfüllten, erwiesen sich die Germanistik und Anglistik als Vorreiter. Welchen Stellenwert nehmen die fremdsprachigen Studien auf dem ungarischen und internationalen Arbeitsmarkt ein. 

Wenn wir eine Ausbildung bei den fremdsprachlichen Fächern auf einem Niveau anbieten können, auf dessen Basis sich unsere Studenten in dem jeweiligen sprachlich-kulturellem Milieu weiterbilden können, dann haben wir bereits das Möglichste getan.

Neues könnte die Entwicklung der praktischen Fertigkeiten und Fähigkeiten innerhalb der philologischen Studien bedeuten, zum Beispiel das Übersetzen und Dolmetschen. Die Fachsprachen-Ausbildung ist typisch für diesen Bereich. Die Studenten sollen die wirtschaftliche und die juristische Fachsprache erlernen, um später bei einer wirtschaftlichen Weiterbildung auf solche Sprachkenntnisse zurückgreifen zu können. Damit sie es nicht nebenbei erlernen müssen, wenn sie bei einer Firma sind.

Es ist wesentlich zu überlegen, welche Spezialisierung die Hauptrichtung haben sollte. Meiner Meinung nach muss man leider dem Marktfaktor ebenso entsprechen, wie dem wissenschaftlichen Faktor. Der Arbeitsmarkt reagiert nicht besonders sensibel darauf, wer welche sprachwissenschaftliche Untersuchung in einer amerikanischen Zeitschrift erscheinen ließ. Demgegenüber reagiert er äußerst sensibel darauf, über welche flexible Sprachkenntnis verfügt wird.

Vierter Teil
„Der Taube der Zukunft ist der Einsprachige“

Es ist allgemein bekannt, dass beim genannten Aufholprozess der Universitäten die Bibliotheken eine erstrangige Rolle spielen. Welche Aussicht hat man zurzeit auf die Errichtung der schon längst geplanten Zentralbibliothek?

Die Pázmány definierte sich selbst schon früher als eine Institution, die den Status der Forschungsuniversität anstrebt. Die Forschungstätigkeitollte also denselben Stellenwert haben, wie das Unterrichten.

Die Strom-, Gas- und Heizungskosten werden sich auch nicht reduzieren. Das Rasenmähen gehört auch zu unseren gesetzlich vorgeschriebenen Pflichten.
Wenn wir die demographischen Daten untersuchen, dann wird sich die Studentenzahl in fünf  Jahren signifikant reduzieren. Verändert sich nicht die Finanzierungsmethode des Hochschulwesens, müssten wir die gleichen Kosten mit einer sich ständig reduzierenden Studentenzahl ausgleichen. Mit der Errichtung einer neuen Bibliothek hätte man zusätzlich größere Räume zu beheizen.

Ich kann gar nicht genug betonen, dass der Bau eines Gebäudes, ein eventuell lebenslanges Denkmal für den Architekten, der seine Visionen in den Gebäudeplan eingebracht hat, bedeuten kann, dennoch muss man es auch benutzen können. Ein nicht funktional entworfener, zu groß geplanter Bau ist nicht leicht aufrechtzuerhalten. Die Antwort auf die Frage lautet also: Wir werden eine Zentralbibliothek bauen, auf raffinierte Art und Weise, so dass es unser Budget nicht schwer belasten wird.

Dass sie nicht nur eine Sprache lernen sollen. Als ich 1991 an der Universität Genf studierte, sah ich das Plakat einer Sprachschule, das mich sehr aufmerksam machte: Der Taube der Zukunft ist der Einsprachige. Der Durchschnittsmensch der Zukunft ist neben dem Tauben der Zukunft jemand, der nur eine Fremdsprache kann. Erwirbt man also eine Sprachkenntnis während des dreijährigen Studiums, die umfassender ist als die einer Mittelstufe, aber geringer als jene der Oberstufe, bleibt es schwierig eine Anstellung auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Ich ermutige also alle Studenten dazu an, dass sie möglichst zwei Fremdsprachen erlernen sollen.

In Kaschau oder Klausenburg, in Kronstadt oder Zürich ist man dazu gezwungen, mehrere Sprachen zu lernen. Ein durchschnittlicher Schweizer erwirbt noch neben seiner Muttersprache das Deutsche, Italienische, Französische, Englische, und da er schon so viele romanische Sprachen kann, lernt er auch noch Spanisch. Er wird viel ’fitter’ auf dem Arbeitsmarkt sein und kulturell auch reicher.

Aus dem Gesichtspunkt des Arbeitsmarktes ist die Sprache tatsächlich nur ein Hilfsmittel. Es ist aber nicht egal, was für ein Mittel. Man müsste mehr Sprachen beherrschen und diese auch auf anspruchsvollem Niveau. Es lohnt sich, Sprachen parallel zu lernen, um jene frustrierende Situation zu vermeiden, sich in einer Sprache ausdrücken zu können, in einer anderen aber nicht.

Was die Sprache betrifft, würde ich gerne Folgendes als Botschaft mit auf den Weg geben. Ich zitiere aus der gemeinsamen geistigen Quelle von Herrn Dozenten Jany János und mir, aus Asterix und Obelix, den Lieblingssatz von Majestix, dem Chef:

„Vorwärts, mutige Krieger!“

 

 

Verfasst von Nóra Nagy und Pál Bence Nagy
Übersetzt von Pál Bence Nagy
Lektoriert von Mag. Waltraud Siller