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Interview mit der neuen Lektorin der Fakultät, Waltraud Siller

Frau Waltraud Siller ist unsere neue Lektorin an der Germanistischen Fakultät. Die Insel hat mit ihr ein Interview geführt. Wir haben sie über ihre ersten Eindrücke befragt.

Sie sind erst seit einigen Wochen hier an der Pázmány, aber sie sind schon früher nach Ungarn gekommen. Seit wann  leben Sie in unserem Land?

Ich bin vor zwei Jahren, Ende September 2007, mit einem Stipendium der Aktion Österreich-Ungarn nach Ungarn gekommen. Darauf folgten ein Erasmus-Aufenthalt und ein Stipendium für kurzfristiges wissenschaftliches Arbeiten im Ausland. Dieses Jahr im März habe ich mein Diplom in Wien bekommen und dann habe ich mich um die Lektoratsstelle hier an der Uni beworben. 

Wenn man hört, dass jemand nach Ungarn kommt, um zu studieren, fällt einem sofort die Frage ein: Warum wählt eine Westeuropäerin gerade Ungarn als Ziel eines längeren Aufenthalts aus?

Ich hatte in Wien ungarische Freunde und 2003 kam ich das erste Mal nach Budapest, konnte aber kein Wort Ungarisch. Damals habe ich gedacht, dass ich gerne hier leben möchte. Ohne die Sprache geht es aber nicht, jedenfalls nicht so gut, dass ich z.B. jederzeit ins Kino gehen könnte, außer wenn gerade ein deutscher Film gespielt werden würde. Also habe ich 2005 angefangen in Wien Ungarisch zu studieren, und mich um Stipendien nach Ungarn zu bewerben.

Und wie gefällt es Ihnen bei uns an der Uni? Was sind Ihre  ersten Eindrücke?

Sehr positiv. Ich denke, alle Leute am Lehrstuhl und die Studenten sind sehr nett. Das Klima finde ich sehr gut. Seit einem Monat bin ich nun hier und ich freue mich jeden Montag und Dienstag sehr, dass ich hier unterrichten kann.

Haben Sie schon erfahren, wie die Einstellung der Leute in Ungarn gegenüber Ausländern ist?

Ja leider...Die meisten sind freundlich und es kommt immer auch die Frage, warum man gerade nach Ungarn kommt. Aber es gab auch schon den Vorfall, dass ich mit Leuten gesprochen habe, die meinten die Österreicher zu hassen - wegen der Monarchie. Sie hassten auch die Franzosen wegen irgendetwas. Sie hassten alle nur die Ungarn nicht. Ich bin dann aufgestanden und gegangen, weil ich nicht wusste, was ich da noch sagen sollte.

Gibt es Leute, mit denen Sie auf Deutsch oder Englisch sprechen können?

Ja, aber da ich Ungarisch sprechen kann, muss ich nicht auf Englisch oder Deutsch ausweichen. Aber es gibt einige Freunde, die unbedingt Deutsch sprechen möchten um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. In meinem Freundeskreis sind vor allem Studenten und ehemalige Studenten, also habe ich auch die Möglichkeit Englisch und Deutsch zu sprechen.

Wir haben erfahren, dass Ihr Forschungsgebiet der Umgang mit ethnischen Minderheiten ist. Können Sie ein wenig darüber erzählen? Was hat Sie zu diesem  Thema motiviert?

Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist sicher, dass dieses „Minderheitenproblem“ und der Rassismus leider auch in Österreich allgegenwärtig sind, auch wenn ich sie in Österreich nicht an mir selbst fühle. Während meines Studiums in Wien habe ich AsylwerberInnen unterrichtet und ein wenig einen Einblick in ihren Alltag und Alltagsprobleme erhalten. Ein zweiter wichtiger Grund für die Findung meines Diplomarbeitsthemas war, dass ich vor einigen Jahren in Auschwitz war und dort das KZ-Museum besucht habe, unter anderem auch die Ausstellung über Roma und Sinti, über deren Schicksal während des Zweiten Weltkriegs ich bis dahin wenig wusste. So begann ich mich mit der Geschichte der Roma zu beschäftigen und eben auch mit der literarischen Figur des „Zigeuners“, woraus schließlich meine Diplomarbeit „Die stereotype Konstruktion des Zigeuners in der Literatur“ entstand.  

Warum haben Sie eben das Werk „Nagyidai Cigányok“ von János Arany  gewählt?

Die Romantik bot sich als Zeit für die Auseinandersetzung mit der Figur des „Zigeuners“ an, da es zu dieser Zeit neben pejorativen Darstellungen der „Zigeuner“ auch zur „Zigeunerromantik“ kam. Mein Betreuer der Diplomarbeit hier in Ungarn hat mir dann Arany János’ „A nagyidai cigányok“ empfohlen.

Sie haben schon eine Einsicht gewonnen. Wie finden sie die politische und gesellschaftliche Lage in Ungarn?

Das ist eine schwierige Frage…Als ich vor zwei Jahren nach Ungarn kam, war mir die politische Situation weniger bewusst, mittlerweile fallen mir gewisse politische Strömungen immer mehr auf – auch durch die EU-Parlamentswahlen. Die politische Situation ist jedoch auch in Österreich nicht ideal, wie die letzten Wahlen gezeigt haben.  

Und wie finden Sie die gesellschaftliche Lage?

Ich weiß es nicht, das ist für mich sehr schwer zu beantworten. Ich weiß natürlich von der schwierigen finanziellen und wirtschaftlichen Lage, auf Menschen in meinem persönlichen Umfeld hatte das jedoch keine wirklichen Auswirkungen. Aber mein Freundes- und Bekanntenkreis ist sehr beschränkt auf studierte, gebildete Leute. 

Sie haben schon Freizeitunterhaltungen erwähnt. Gibt es Unterschiede zwischen den  kulturellen Möglichkeiten in  den zwei Hauptstädten,  Budapest und  Wien?

Nein, ich denke nicht. Was ich gut finde, ist, dass es in Budapest viele kleine Kinos gibt, in Wien gibt es nur wenige Künstlerkinos. Ich gehe oft ins Kino, auch um die ungarische Sprache zu hören. Es ist auch gut, dass es hier internationale und nicht nur amerikanische Filme gespielt werden. Und das „Szépművészeti Múzeum“ mag ich auch sehr gerne. Die einzige Freizeitaktivität, die mir hier ein wenig fehlt, ist der Sport. An der Universität Wien gibt es ein sehr großes Sportinstitut. Alle Kurse sind für Studenten sehr billig. Zur Zeit gehe ich in Budapest zu Joga.

Sie haben jetzt die Möglichkeit – hoffentlich – 5 Jahre lang in Ungarn zu bleiben. Haben Sie schon Pläne  für diese Zeit?

Es wäre sehr schön Projekte zu machen vielleicht auch in Zusammenarbeit mit anderen germanistischen Instituten und anderen LektorInnen im In- oder Ausland. Aber dieses erste Monat war bisher sehr anstrengend für mich, weswegen ich noch keine konkreten Pläne habe. Für mich selbst möchte mein Ungarisch verbessern, und ich sollte auch mit meiner Doktorarbeit beginnen…

Was denken Sie? Wie werden Sie sich fühlen, wenn sie bald wieder nach Österreich zurückgehen müssen?

Ich bin nach Ungarn gekommen, weil ich einige Zeit im Ausland leben und arbeiten wollte. Falls ich tatsächlich 5 Jahre bleiben kann, wäre ich insgesamt 7 Jahre hier in Ungarn gewesen, eine ziemlich lange Zeit. Nach Hause zurückzukehren wird sicherlich eine große Veränderung sein. Ich werde sicher traurig sein über alles was ich werde zurücklassen müssen. 

Abschließend also können wir die Schlussfolgerung ziehen, dass Sie von diesen 5  Jahren große Erwartungen haben, deshalb wünschen wir Ihnen einen erlebnisvollen Aufenthalt in Ungarn und an unserer Uni.

 

Zusammengestellt von Nóra Nagy, Pál Bence Nagy, Ádám Gergely Sáfár