Europa und seine Eigenheiten

von Sebastian Amler

Als mir in Deutschland mitgeteilt wurde, dass meine Bewerbung für Erasmus erfolgreich war, freute ich mich: Cool. Jetzt kann ich endlich mal ins Ausland fahren und schauen wie die Leute da wirklich sind, anstatt immer auf diese Vorurteile zu hören.
Als ich dann in meiner WG in Budapest eintraf und mein italienischer Mitbewohner Spaghetti kochte, dachte ich mir: Das hat noch lange nichts zu heißen. Spaghetti sind halt einfach lecker. Nachdem er mir dann mit Händen und Füßen erklärte, er stamme aus Neapel und halte Mülltrennung für einen Klub im 7. Bezirk, fand ich auch eine Erklärung: Naja. Das mit den Händen macht der nur weil sein Englisch schlecht ist und Umweltschutz hat mich auch nie interessiert.
Wir leben direkt neben einer Jugendherberge und eines schönen Abends trafen wir auf eine Gruppe russischer Touristen, mit denen wir dann gemeinsam um die Häuser zogen. Einer von ihnen erzählte mir, er sei in Sorge um seinen alkoholkranken Vater, er versuche ihm zu helfen, indem er immer seine gesamten Vorräte leer trinke. Ganz schön pfiffig, der Schlingel, schallte es in meinem Kopf.
Als die Temperaturen aus dem Eiskeller zurückkamen, zog ich es vor mich öfter am Deák Ferenc Tér hinzupflanzen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Bis die Tulpen blühten. Ja richtig, Tulpen. Denn mit den Tulpen fielen die Holländer über Ungarn her und funktionierten mithilfe ihrer Wohnmobile den Deák Tér zur ihrer Operationsbasis um. Einst fragte ich einen was sie hier in Ungarn wollten und es entstand folgender Dialog:

Ich: Was wollt ihr hier? Warum kommt ihr immer mit Wohnmobilen?
Er: Das verstehst du nicht!
Ich: Ach komm schon. Sag mal.
Er: Was kriege ich dafür?
Ich: Dreh dich mal.
Er: Ich bin doch nicht blöd.
Ich: Dann sag mir, was ihr hier wollt.
Er: Na gut.
Ich: Ich höre.
Er: Hier gibt es Tulpen und das Land ist flach. Wie in Holland. Tolles Land, dieses Ungarn.
Ich: Aber hier gibt es weder Frau Antje noch Fußball.

Schockiert packten sie ihre Sachen und zogen von dannen, während ich schmunzelnd bei mir dachte: Der fliehende Holländer.

Im Gegensatz dazu scheinen die meisten Ungarn sehr stolz auf ihr Land zu sein: Nicht nur, dass sie die größte sprachliche Vielfalt für Beleidigungen aller Art besitzen, darüber hinaus verfügen sie auch dank unzähliger Wein- und Palinkastübchen über eine gewisse Trinkfestigkeit.
Nur in einer Disziplin braucht der gemeine Ungar noch Nachhilfe-Unterricht: Bier trinken! Das dachte sich zumindest der Ungar-Deutsche Paul (79) und hat südlich von Budapest eine Kathedrale des Trinkgenusses eröffnet: Ein Biermuseum. Hier zeigt er seinen Schülern nicht nur was gutes Bier wirklich ist, sondern kann dank hauseigenem Bierbrunnen auch direkt das Trinken schulen. Und ich? Ich übe fleißig mit – denn in ein paar Wochen haben Paul und ich Geburtstag. Und wer weiß – vielleicht will er ja mit mir zusammen feiern. Mit Bier, Schweinshaxen und Sauerkraut.

Tja, wie es aussieht hat wohl doch jedes Volk seine eigenen Macken!