"Ich will meine Füße nicht einsperren"

Til Schweigers Barfuss
von Anita Répa

Mit den frühen Gangsterkomödien („Knockin’ on Heaven’s Door”, „Punk”, „Die Daltons gegen Lucky Luke”) ist ein für alle Mal zu Ende. In der Liebeskomödie „Barfuss” aus dem Jahr 2005 zeigt Til Schweiger sein gefühlsvolles, romantisches Gesicht und macht eine „Liebeserklärung an die Liebe”. Der Film, getragen von Humor und ausgeprägter Emotionalität wird vom Regisseur als sein bestes und erwachsenstes Werk bezeichnet – die Kritiker scheinen dieser Aussage zuzustimmen.

Ein Traumprojekt – eine anpackende Geschichte. Ein Stoff, an dem Til Schweiger 8 Jahre lang gearbeitet hat. Und je länger er sich damit beschäftigt hat, desto klarer wurde ihm, dass er nicht nur als Produzent auftreten, sondern auch die Regie führen und die Hauptrolle spielen will.

Das Ergebnis ist ein Märchen, das die Zuschauer berührt und auf eine wunderbare Reise mitnimmt. Wir sehen einen egoistischen, verantwortungslosen Mann, einen Versager, der sich nicht um seine Mitmenschen kümmert. Und dann trifft er ein unschuldiges, kindliches Mädchen, das ihm beibringt, das Leben zu schätzen. Ihre bedingungslose Hingabe und Zuversicht bewirkt eine dermaßen große Veränderung in ihm, dass er sich am Ende bereit erklärt, sein bisheriges Leben aufzugeben und „barfuss“ zu leben. Eine Liebesgeschichte mit unvorstellbar starken Gefühlen, die wir aber nur spüren und nicht sehen können, es wird nämlich nicht einmal ein Kuss gezeigt. Und eine Komödie, die uns zeigt, wie ein unerfahrener, kindlicher Mensch versucht, in der nackten Wirklichkeit zurechtzukommen.

"Bin ich deine Freundin? Also ich würde mal sagen, du bist meine Freundin für diese Reise, okay?"

Der charmante Nick Keller (Til Schweiger) scheint den Boden unter den Füßen endgültig verloren zu haben. Ohne einen richtigen Job, ohne eine ernsthafte Beziehung lebt er in den Tag hinein und versucht sich und seine Familie zu überzeugen, dass er kein Versager ist. Leila (Johanna Wokalek) ist wegen posttraumatischen Symptomen die Bewohnerin einer psychiatrischen Klinik. In Isolation und Einsamkeit verbringt sie die Tage und verschließt sich jedem menschlichen (ärztlichen) Annäherungsversuch. Eines Tages kreuzen sich die zwei hoffnungslosen Schicksale – Nick, der als Putzmann in der Klinik arbeitet, vereitelt den Selbstmordversuch des Mädchens und damit beginnt eine neue, gemeinsame Periode in ihrem Leben.

Und das wortwörtlich. Von dem Moment an lässt sich nämlich Leila nicht mehr abschütteln, sie ist nicht bereit, Nick von der Seite zu weichen. Sie folgt ihm sogar nach Hause und nach manchen vergeblichen Versuchen sie in die Klinik zurückzubringen, entscheidet er sich unwillig, sie auf die Reise nach Hause mitzunehmen. Während der gemeinsamen, abenteuerlichen Fahrt kommen sie einander immer näher – dem enttäuschten Mann gefällt die unschuldige Anhänglichkeit, die das Mädchen zeigt und kann sich ihrem unverdorbenen, kindlichen Zauber nicht entziehen. Der Egoist, der sich plötzlich in der Rolle einer Leitfigur findet, beginnt Verantwortung für das Mädchen zu tragen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Und Leila, die sich für ihre Entdeckungsreise eben ihn ausgesucht hat, lernt an der Seite des geliebten Mannes, was Vertrauen bedeutet.

Nach dem katastrophalen Besuch bei den Eltern trifft Nick eine schwere Entscheidung: er missbraucht das Vertrauen des Mädchens, ruft die Klinik an und wird seine Partnerin endgültig los. Erst nach der traurigen Trennung wird ihm bewusst, dass er nicht mehr ohne das Mädchen leben kann. Es gibt zum ersten Mal etwas in seinem Leben, was wichtig und des Kampfes wert ist... Koste was es wolle. Und eine neue, ganz andere, aber ebenso abenteuerliche Reise beginnt für die beiden – die der seelischen Selbstheilung und Genesung.

„Der Mond hat ein Licht angeknipst”

Der Film ist das ideale Zusammenspiel von allen wichtigen Faktoren: einer verzaubernden, romantischen Handlung, meisterhaften schauspielerischen Leistungen und der faszinierenden Musik von Dirk Reichardt, Stefan Hansen und Max Berghaus.

Das Besondere liegt in der doppelten Struktur der Handlung. Auf der einen Seite sehen wir sehr starke emotionale Faktoren – innere Kämpfe, Konflikte, Angst, Eifersucht, Liebe und Vertrauen. Auf der anderen Seite wird all das mit Humor gemischt. Leila betrachtet mit staunenden Kinderaugen die Welt der Erwachsenen, und dieser Gegensatz führt ständig zu  lächerlichen Situationen. Der Film spielt meisterhaft mit der Gegenüberstellung der Naivität und Unschuld und der Rücksichtslosigkeit und Brutalität. Das bringt das Publikum oft zum Lachen, aber nach einer Zeit beginnt man auch darüber nachzudenken.

Erwähnenswert ist auch der Aufbau des ganzen Filmes. Wir können den Prozess von Stufe zu Stufe gut verfolgen, wie sich die Beziehung zwischen Leila und Nick vertieft. Bei der ersten Begegnung bekommt das Mädchen einen Anfall, wenn er sie anfasst. Sie kann einfach keinerlei Berührung ertragen. Aber nach all den gemeinsamen Erlebnissen verschwinden mit den seelischen Barrieren parallel auch die physischen Hindernisse – Leila kuschelt sich an Nick und erzählt ihm über ihre traurige Vergangenheit. Und sie ist glücklich dabei. Eine derart starke Bindung entsteht nur langsam – und wir können all die Schritte miterleben.

Ein Film, der die Emotionen anspricht, zum Nachdenken anregt und zur Unterhaltung dient. Ich kann ihn nur empfehlen.