Der Herr Karl – „Alle haben mitgemacht, und keiner war dabei.”

Du, lieber Leser/Zuschauer, bist eingeladen zu einem merkwürdigen Besuch im Keller einer Delikatessenhandlung beim Herrn Karl, dem Held unseres einstündigen Monologs. Verpass es nicht, wenn in der grauen Wirklichkeit der Kisten- und Regalenwelt die gültigste politische Satire der österreichischen Zeitgeschichte dargestellt wird.

Der Herr Karl ist ein Einaktermonolog, in dem ein kleinbürgerlicher Opportunist „Herr Karl” einem „jungen Menschen” seine Lebensgeschichte – die die kollektive Vergangenheit Österreichs symbolisiert – vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Besatzung erzählt. Karl erlebte die Zeit nach der Monarchie, den Justizpalastbrand, die Weltwirtschaftskrise, den Anschluss, das Dritte Reich und sieht sich in jeder Zeit selbst als Opfer.

Auf den ersten Blick scheint Karl ein positiver Mensch mit guten Eigenschaften zu sein (katholisch, freiheitsliebend, nett, ehrlich), aber schnell stellt sich heraus, dass er in Wirklichkeit ein Opportunist ist. Sein Egoismus zieht sich durch sein gesamtes Leben und sein Monolog ist voll von Widersprüchen. Mehrmals betont er: „ich kümmere mich nicht um  Politik“, aber für fünf Schilling macht er gerne mit den Sozialisten, Faschisten und Alliierten mit. Im Grunde genommen hat er sich immer so gedreht wie der (politische) Wind wehte – für ein paar Schillinge veränderte er seine politische Einstellung ganz leicht. Aus seinem Monolog und der eigenen Sichtweise erfährt der Leser/Zuschauer Karls kleinbürgerliche Denkweise. Die Form des Einaktermonologs scheint charakteristisch für ihn, manche meinen auch für ganz Österreich, da es ihm egal ist was die anderen zu sagen, zu erwidern hätten, oder von ihm halten.

Qualtinger – dessen schauspielerische Leistung fantastisch ist – konfrontierte mit der ersten Aufführung des Herrn Karl, in der Figur des opportunistischen Wiener Kleinbürgers, im Jahr 1961 ein ganzes Land. Wodurch sich auch die große Wirkung des Stücks erklären lässt: er hat in den 60er Jahren das Schweigen über die Nazi-Vergangenheit Österreichs gebrochen. Und der Leser /Zuschauer erhält ein bestürzendes Bild über die Zeit, über die nach dem Zweiten Weltkrieg geschwiegen wurde. Kein Wunder, dass Helmut Qualtinger, der Autor nach der Erscheinung des Einaktermonologs plötzlich vom Publikumsliebling zum Volksfeind geworden ist.

Was das Einpersonstück neben der Gesellschaftskritik noch einzigartig macht ist das wechselnde Spiel von Sprachstilen, Dialekt und Hochdeutsch. Zwar für „ausländische Ohren“ anfangs ungewohnt, wird am Ende doch eindeutig, dass die Österreicher Talent zur Selbstironie haben. 

„Obwohl der Herr Karl häufig dialektal gefärbte Umgangslautung verwendet, ist das Stück nicht so schwer zu verstehen, denn der Stil ist leicht und lebendig.”

„Wenn jemand mehr über die österreichische Vergangenheit, über die Österreicher und über den Herrn Karl wissen will, muss er sich den Film unbedingt ansehen.“

„Helmut Qualtinger hat es geschafft diesen Charakter so darzustellen, dass der fast einstündige monologische Film nicht unschaubar, sondern genießbar ist.”

„Ein Grund dafür, dass das Stück auch heute noch so populär und beliebt ist, ist dass die historischen Ereignisse aus dem Gesichtspunkt eines Menschen nicht faktenmäßig sondern bewertend dargestellt werden.”

„Der Gedanke eine Geschichte auf diese Weise darzustellen gefällt mir sehr. Durch das einfache „Bühnenbild” und den Monolog konzentriert sich der Film auf das Wichtigste. Nämlich auf das,  was erzählt wird.”

„Die strenge Manier weckte ein Gefühl der Widerlichkeit in mir. Dieses Gefühl wurde von den erzählten Geschichten verstärkt.”


Anikó Zoltai, Eszter Faragó, Vera Csapó, Annamária Mércz, Róbert Rácz, Zita Bakos, Kata Nagy, Bernadett Klinger, Anna Lábán und Györgyi Bogdán haben am Artikel mitgewirkt.