Das Wunder von 100 Szene
Im Thália Stúdió geht abends etwas Außergewöhnliches los: Die Theatergruppe Maladype spielt Georg Büchners Komödie Leonce und Lena, aber auf eine ganz eigenartige Weise. Man kann das Stück zehnmal anschauen und man wird zehn verschiedene Versionen sehen.
Wir, durchschnittliche Zuschauer wissen ja genau, was ein Theaterbesuch bedeutet. Im elegantesten Anzug ankommen, Mantel abgeben, sich hinsetzen, auf die Bühne starren. Das Licht wird ausgemacht, Vorhang geht auf, die Aufführung beginnt. Wir sehen Schauspieler, die in streng inszenierten Szenen je eine gründlich eingeübte Rolle spielen. Wir lernen eine lineare Geschichte kennen, den Regisseur sehen wir nur auf dem Flyer. Pause, Kaffee im Buffet und dann kommt die Katharsis. Applaus, Schauspieler beugen sich, noch ein wenig Applaus, Vorhang zu, Licht auf und das Rennen zur Garderobe kommt.
Widmen wir aber einen Abend der Theatergruppe Maladype und wir können das alles vergessen. Nicht nur deshalb, weil es im Thália Stúdió gar keinen Vorhang gibt. Beim Ankommen begrüßt uns der Regisseur persönlich. Die Schauspieler sind schon da, machen Warm-Up, ihre Muskeln werden heute viel arbeiten. Die Zuschauer nehmen an den zwei Seiten der Bühne Platz. Bühne bedeutet hier ein weißes Podium aus Tatami-Matrazen, Kostüme heißen schwarze Klamotten, Requisiten sind Bambusröhre. Das Licht wird nicht ausgemacht, das Publikum gehört auch zum Stück. Der Regisseur hält eine kurze, amüsante Rede über das Stück und über die Theatergruppe. Die Stimmung ist freundlich und locker, als die erste Szene beginnt. Am Ende der Szene kommt die ungewöhnliche Frage des Regisseurs an das Publikum: “Möchtet ihr eine andere Version sehen?”. Natürlich möchten wir. Und die Szene wird noch einmal gespielt, mit anderer Besetzung und dieses mal auf Schwedisch – und im ganz anderen Stil. Der ständige Stilwechsel ist ein Grundelement dieses Abends: Georg Büchner hat sein Werk in 25 Akten verfasst, die Schauspieler der Maladype haben jeweils vier Versionen ausgearbeitet. Es ist wahr, obwohl es ganz unglaublich klingt: Diese Schauspieler haben Einhundert Szenen eingeübt, zwischen denen sie gleich wechseln können! Und der Regisseur bittet sie manchmal auch um Improvisationen – Sprache zu wechseln, Witze zu erzählen, die Zuschauer anzusprechen. Drei Frauen und vier Männer, die sich nie durcheinander führen lassen, die ständig ihre Rolle wechseln, sprechen, schreien, singen, tanzen und akrobatisieren. Und ein fünfter Mann, der die Musik macht. Natürlich live, so bekommt jede Szene seinen eigenen Rhythmus und seine Melodie. Bambusröhre wurden vielleicht noch niemals so kreativ verwendet, sie dienen mal als Bett, als Pferd, Treppe, Schwert oder als Fenster. Das alles klingt sicherlich chaotisch und man stellt sich die Frage, ob überhaupt noch eine Handlung existiert. Die Antwort ist mehr als überraschend: Natürlich existiert sie! Und sogar deutlicher denn je. Schauspieler tauschen ihre Rollen, Rahmen und Stil wechseln sich ständig. Aber Herzogin Lena bleibt Herzogin Lena, egal von wem gespielt. Die Handlung bleibt Handlung, egal, ob wir gerade ein Musical oder eine Mission-Impossible-Parodie sehen. Und das ist das Wunder dieses Abends. Die Maladype hat das Unmögliche geschafft: Die Rahmen des klassischen Theaters so aufzulockern, dass ihr Stück jedoch verständlich bleibt.
Die letzte Szene ist zu Ende. Zweimal gespielt, natürlich. Aber das Rennen für die Mäntel bleibt dieses Mal aus. Wir lassen uns Zeit, stehen gemütlich auf, spazieren in der besten Laune zur Garderobe. Wir besprechen, wann wir zum nächsten Mal kommen. Möchtet ihr eine andere Version sehen? Dann treffen wir uns am 25. Januar, um die 50. Aufführung anzuschauen. Ich werde sicherlich da sein.
Ádám Sáfár