von
Zsófia Farkas
Als ich die zweite Klasse des Gymnasiums besuchte, verbrachte ich im Rahmen eines Austauschprogramms zwei Wochen in Deutschland. Dann versprach ich mir, dass ich einmal wieder nach Deutschland fahren werde. Danach kam die Uni, wo ich die Möglichkeit hatte, mich um ein Stipendium zu bewerben, mit dem ich ein Semester lang an einer deutschen Universität studieren konnte. Ich freute mich sehr darüber und bewarb mich sofort darum. Zum Glück erhielt ich das Stipendium und damit begann alles, also mein Erasmusleben in einer südlichen Landeshauptstadt Deutschlands, in Stuttgart.
Anfangs hatte ich gar keine Ahnung, wie viel Papierarbeit ich damit haben werde. Es war sehr schwierig, man bekommt eine Menge offizielle Dokumente und muss auch verschiedene Bestätigungen besorgen etc. All dies gehört zu der „ungemütlichen“ Seite von Erasmus. In diesen Zeiten stellte ich mir manchmal die Frage, ob sich all dies wirklich lohnt. Aber erst später, nicht unbedingt bereits währen des Erasmusaufenthalts, sondern vielleicht erst jetzt, kann ich schon hundertprozentig sagen, dass – trotz aller anfänglichen Anstrengungen und Schwierigkeiten – es wirklich eine der schönsten Zeiten meines Lebens war, an die ich mich immer glücklich erinnern werde.
Ich fuhr also am 4. Oktober mit meinen Eltern, mit dem Auto nach Stuttgart. Während der ganzen Fahrt war ich schon sehr aufgeregt. Es ist aber immer so, glaube ich zumindest, wenn man in eine unbekannte Stadt oder an einen unbekannten Ort geht, und zwar ins Ausland, wo man niemanden und nichts kennt, dass man sehr aufgeregt ist. Es war also eine Art Neugier, aber auch Angst. Als ich in Stuttgart ankam, ging ich zuerst zu den Studentenwohnheimen, wo ich meinen Mentor („buddy“) traf, der mir in den ersten Tagen bei der Orientierung und den offiziellen Erledigungen half. In den ersten Tagen fühlte ich mich gar nicht so gut in Stuttgart. Alles war zu neu, ich kannte kaum noch andere Erasmusstudenten und vermisste meine Familie und Freunde von zu Hause. Ich war enttäuscht und dann plötzlich wurde alles Tag für Tag immer und immer besser. Ich lernte immer mehr Studenten kennen.
In diesen Zeiten fand der „Canstatter Wasen“ in Stuttgart statt, der die Erasmusstudierenden näher brachte. Das ist übrigens ein zweiwöchiges Volksfest, das jährlich von Ende September bis Anfang Oktober auf der Cannstatter Wasen im Stuttgart Stadtteil Bad Canstatt veranstaltet wird. Es beträgt rund 35 Hektar, und hier bekommt man als erstes das typische Deutschlandfeeling mit – eine Menge Bierzelte und noch viele verschiedenartige Attraktionen dazu, die Männer und Frauen, vom Alter unabhängig, in ihren eigenen Trachtenkleidern. Dieses Fest brachte unsere Gruppe sehr gut zusammen. Wir tanzten wie die anderen heimischen auf den Tischen und sangen deutsche Volkslieder. Diese Zeiten waren einfach super. Ich schloss nebenbei sehr gute Freundschaften mit Studentinnen aus Polen, mit denen ich den Kontakt bis heute halte. Außerdem war es ein echt großes Erlebnis, im Studentenwohnheim zu leben. Ich wohnte mit vier Brasilianern, einem Mann aus Peru, einem aus Chile und einem aus Indien in einem Stock zusammen. Sie alle waren echt sehr lieb, hilfsbereit und nett, manchmal zu laut, vor allem in der Nacht, weil sie wegen der Zeitverschiebung nicht schlafen konnten. Aber es war super, mit ihnen zusammen zu leben, ihre Traditionen, Gewohnheiten und ihr alltägliches Leben kennenzulernen. Sie haben ein ganz anderes Temperament und benahmen sich wie Kleinkinder zu Weihnachten, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee sahen. Es war echt lustig. Wir hatten eine gemeinsame Küche in unserem Stock in dem Wohnheim, wo wir sehr oft zusammen kochten. Häufig veranstalteten wir Kochabende, an denen wir unsere heimischen Spezialitäten zubereiteten. Leider konnte ich damals noch nicht so gut … na okay, fast gar nicht kochen, also bin mir sicher, dass ich mit meinen Gerichten ein so ewiges und tiefes Erlebnis für die Leute machte, dass sie in der Zukunft auf die ungarische Küche lieber verzichten werden.
Jede Woche veranstalteten wir außerdem solche Abende, an denen wir uns Erasmusstudierende, in einer Küche versammelten und uns einfach wohlfühlten.
Da das Wetter im Winter sehr grau und kalt war, organisierten wir gar keine größeren Ausflüge. Wir erkundeten nur die Gegend von Stuttgart und natürlich auch die Stadt selbst. Wir besuchten die meistbekannten Sehenswürdigkeiten (Porsche Museum, Mercedes-Benz Museum, Geschichtshaus usw.) und flanierten einfach in den kleinen engen Straßen.
Offiziell geht es beim Erasmus natürlich um Lernen, ums Studium, darum sich weiterzuentwickeln, sprachlich und fachlich. Und all das macht man natürlich an der Uni, wo man verschiedene neue Kurse und Lehrveranstaltungen aufnehmen kann. Aber man darf auch nicht vergessen, dass wir andererseits auch dort sind, um neue Leute, und damit neue Lebensformen und damit verbunden ganz neue Welten kennen zu lernen. Man darf nicht nur in den eigenen vier Wänden sitzen, weil man dann eine Menge gute Sachen und Erlebnisse versäumt.
Ich konnte wunderbare junge Menschen kennen lernen, mit denen ich viele tolle, glückliche Erlebnisse und Momente zusammen hatte dazu. Es war einfach großartig und unbeschreiblich. Man muss das persönlich erleben. Ich bin mir sicher, dass ich mich immer mein ganzes Leben lang an diese Zeit erinnern werde und vor allem an meine Freunde, die ich kenne lernte. Es wurden nicht nur oberflächliche, zeitlich und örtlich begrenzte Freundschaften geschlossen, sondern ewige und wirklich tiefe. Wir freuten uns zusammen und waren immer ein Halt füreinander, wenn uns was Schlechtes passierte. Ich vermisse alles, bis heute, was ich in Stuttgart sozusagen hatte, aber hier in Ungarn geht mein sogenanntes altes Leben weiter.
Im Ausland zu studieren hat nicht nur eine gute, nützliche Wirkung auf die Weiterentwicklung unserer Kenntnisse, sondern auch auf unser Wertesystem. Man lernt, dass Freundschaft und Heimat sehr wichtige Dinge sind, und infolge der vielen Erfahrungen und verschiedenen Situationen, bei denen wir Probleme alleine lösen müssen, wird man echt erwachsen. Ich bin meinem Institut, und meinen LehrerInnen sehr dankbar, dass sie mir dabei halfen diese Erfahrung machen zu können.