Sicht von zwei Polinnen
7. Februar. Piliscsaba im tiefen Schnee. PPKE-Campus ganz in Weiß. „Ist das wirklich Ungarn? Oder spielt unser GPS wieder verrückt?“ Zwei verunsicherte Gesichter. Langes Warten bis die Tür des Studentenwohnheims geöffnet wird – Stille, Ruhe denn es ist Sonntagmorgen.
Eine Woche Vorbereitung, Studentenausweise bekommen – Studentenermäßigungen erhalten. Die ersten Schritte am Germanistikinstitut. Die ersten Unterrichtsstunden, erste und ihre ständige Frage, warum eben zwei Polinnen Deutsch in Ungarn studieren.
Emilia: Noch vor sieben Monaten hatte ich keine Ahnung, dass ich im Frühlingssemester in Ungarn lande. Der Plan war ganz anders: Ich will nach Berlin fahren – Es ist nicht weit von Polen entfernt, es gibt eine gute Verbindung zu Warschau und man kann immer in den Zug einsteigen, wenn man nach Hause fahren will. Und es ist auch die beste Gelegenheit Deutsch zu üben. Aber ... ich habe ein Stipendium für die Schweiz bekommen. Das war die erste schockierende Nachricht. Und zwar nach Fribourg, also dort, wo man eigentlich Französisch spricht, von dem ich keine Ahnung habe. Die andere Nachricht war, dass, wenn ich fahren will, ich viel eigenes Geld dabei haben muss, weil das Stipendium sehr niedrig ist im Vergleich dazu, was ich zum Überleben in der sehr teuren Schweiz brauche.
Somit habe ich auch die „Erasmusidee“ aufgegeben. Mitte Oktober habe ich jedoch einen Anruf von meiner Uni bekommen – kurz und bündig sagte mir die Frau: „Es gibt einen Platz nach Ungarn. Sie haben aber nur einen Tag für die Entscheidung“. Und ich habe mich entschieden.
Ich denke, das ist gut zu sehen, wie das Studium an einer anderen Uni aussieht, was die ausländische Uni den Studenten bietet, welche Unterschiede es zwischen den Unis gibt, was besser und was schlechter funktioniert. Schon die „Reader“, die wir in den ersten Stunden der Seminare bekommen haben, waren was Neues für mich. Eine tolle Idee, nicht für jede Stunde bestimmte Vorlagen kopieren lassen zu müssen. Die Dozentinnen schienen mir auch offener und direkter Studenten gegenüber zu sein. Die Mitstudenten selbst boten gern ihre Hilfe an. Auch die Seminargruppen unterscheiden sich voneinander, so, dass ich mit verschiedenen Menschen gemeinsam Stunden habe. Und der Campus gefällt mir sehr. Der Frühling kam hier schneller als in Polen (das Wetter ist die nächste Sache, die mir gefällt) und die Gegend um das Studentenwohnheim herum wurde total schön. Das ist echt klasse. Ich liebe dieses Grün und manchmal mache ich kleine Spaziergänge.
Und die Sprache? Ich habe bestimmt weniger Gelegenheiten, deutsch zu sprechen als wenn ich in Deutschland wäre, doch dafür kann ich neue Kontakte anknüpfen und z. B. mit ungarischen Studentinnen Gulyas kochen – Klingt nicht schlecht und schmeckt noch besser :) Was Ungarisch angeht, fällt mir das Lernen nicht so leicht, aber ich will die Grundsachen kennen. Ich kann also die wichtigsten Worte und Wendungen verstehen und aussprechen. Mit den Einkäufen von Gemüse, Obst oder Wein komme ich schon zu Recht ;) Und Ungarn selbst ist nicht so weit von Polen entfernt – meine Freunde aus Polen haben also eine gute Gelegenheit, Budapest und andere Städte zu besichtigen.
Roza: Als ich das Studium in Polen begonnen habe, habe ich mir vorgenommen, dass ich mindestens ein Semester im Ausland studieren werde, um ein anderes Land kennenzulernen und um zu sehen, wie das Studentenleben und das Studium dort aussieht. Dann habe ich von dem Erasmus-Programm erfahren und festgestellt: „ Ja bewerbe ich mich!“ Für mich war es nicht so wichtig in welchem Land ich studieren werde, sondern dass ich überhaupt die Umstände des Studiums wechsle. Und so habe ich Ungarn erhalten. Danach habe ich angefangen ein bisschen mehr über das Land selbst zu erfahren, habe mir den Audiokurs für Ungarisch gekauft, angehört und versucht etwas zu verstehen. Das war mein Anfang. Jetzt bin ich seit fast 3 Monaten hier und bin sehr von der freundlichen Einstellung und der Offenheit sowohl der Studenten als auch der Dozenten überrascht. In Polen wird eine größere Distanz zwischen den Studierenden und den Professoren gewahrt. Sehr wichtig ist es auch für mich, dass viele Menschen in Ungarn die polnisch-ungarische Freundschaft pflegen. In Polen haben wir auch dieses Sprichwort, dass Polen und Ungarn Freunde sind, ich wusste aber nicht, dass wir wirklich so positiv in Ungarn aufgenommen werden.
Was mir hier gefällt? Die Speisen: gulyásleves, pörkölt, almás rétes, túrórudi, kürtőskalács, bor… Die Städte: Pécs, Budapest, Eger… Sehr neu und ein bisschen übertrieben ist für mich die Fahrkartenkontrolle – besonders in der U-Bahn. Ich lerne auch Ungarisch. Diese Sprache ist so anders als die anderen europäischen Sprachen aufgebaut, aber diese Logik weckt bei mir immer größere Neugier, wie ich etwas auf Ungarisch ausdrücken kann. Obwohl meine Aussprache manchmal komisch klingt, gebe ich nicht auf und versuche auch in Polen weiter Ungarisch zu lernen.
Am Ende bedanke ich mich bei allen, die mir dabei helfen, mich hier nicht so einsam zu fühlen und der ungarischen Kultur näher zu kommen.
Jetzt ist bereits Frühling. Es sind nur mehr 1,5 Monate übrig geblieben. Das Wetter wird immer schöner und zum Reisen (und Lernen ?) freundlicher. Vielleicht treffen wir uns mal in Polen? Wir laden herzlich ein – also: Do zobaczenia w Polsce!
Emilia Szostak, Roza Mika
4. Studienjahr, Germanistik, Katholische Universität in Lublin Johannes Paul II (KUL JPII)